- Die IAEA prognostiziert eine weltweite Nuklearkapazität von bis zu 1.284 GWe bis 2060.
- Kleine modulare Reaktoren werden eine wichtige Rolle beim Nuklearwachstum spielen.
- Die Lebensdauerverlängerung bestehender Reaktoren wird die künftige Nuklearkapazität beeinflussen.
- Der globale Marktanteil der Kernkraft sinkt leicht aufgrund des insgesamt wachsenden Stromaufkommens.
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) hat ihre langfristigen Nuklearprognosen zum sechsten Mal in Folge nach oben korrigiert. In ihrer jüngsten Prognose, die auf der 70. Generalkonferenz in Wien vorgestellt wurde, geht die Organisation davon aus, dass die globale Nuklearkapazität im optimistischsten Szenario bis 2060 auf 1.284 GWe steigen könnte. Dieses Wachstum könnte den Bau Hunderter kleiner modularer Reaktoren (SMRs) umfassen. Der Bericht „Energy, Electricity and Nuclear Power Estimates up to 2060" ist die erste Prognose der IAEA, die den Zeithorizont bis 2060 ausdehnt. Im hohen Szenario würde die globale Nuklearkapazität das Niveau Ende 2025 um das 3,4-Fache übersteigen.
Ende 2025 waren weltweit 413 Kernreaktoren in Betrieb mit einer Erzeugungskapazität von 377,1 GWe. Die IAEA prognostiziert nun im hohen Szenario eine Nuklearkapazität von bis zu 1.045 GWe bis 2050 – ein Anstieg gegenüber der zuvor prognostizierten Zahl von 992 GWe. Bis 2060 könnte die Kapazität auf 1.284 GWe steigen. Das niedrige Szenario fällt vorsichtiger aus und sieht 641 GWe für 2050 sowie 696 GWe für 2060 vor.
Zuvor lag die niedrige Prognose für 2050 bei 561 GWe. Diese Prognosen berücksichtigen bestehende Reaktoren, mögliche Genehmigungsverlängerungen, geplante Stilllegungen sowie Bauvorhaben, die in den kommenden Jahrzehnten realisiert werden könnten. Das hohe Szenario unterstellt ein stärkeres Bekenntnis der Staaten zur Kernkraft, während das niedrige Szenario davon ausgeht, dass die aktuellen Trends mit geringeren politischen Veränderungen fortbestehen.
Die Rolle kleiner modularer Reaktoren
IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi erklärte: „Die Prognosen der IAEA zeigen die wachsende Rolle der Kernkraft bei der Deckung des steigenden globalen Strombedarfs. Um dieses Potenzial zu verwirklichen, werden Investitionen in neue Nuklearkapazitäten sowie Lebensdauerverlängerungen von Reaktoren unerlässlich sein." Kleine modulare Reaktoren werden voraussichtlich eine zentrale Rolle in diesem Wachstum spielen. Die IAEA definiert SMR als Reaktoren mit einer Kapazität von maximal 300 MWe; derzeit sind über 100 Designs in Entwicklung.
Im hohen Szenario könnten SMRs 28 Prozent der bis 2060 neu hinzukommenden Nuklearkapazität ausmachen, also rund 284 GWe. Bei einer Durchschnittsgröße von 300 MWe pro SMR wären etwa 946 Reaktoren erforderlich; bei 250 MWe wären es rund 1.136 Reaktoren. Auch in bestimmten Regionen wird die SMR-Entwicklung eine wichtige Rolle spielen. In Nordamerika könnten rund 60 Prozent der neu hinzukommenden Nuklearkapazität aus SMRs stammen, in Südostasien sowie in Lateinamerika und der Karibik jeweils 40 Prozent.
Auswirkungen von Lebensdauerverlängerungen
Auch die Lebensdauerverlängerung bestehender Reaktoren wird die künftige Kapazität beeinflussen. Im hohen Szenario werden rund 70 Prozent der derzeit betriebenen Nuklearkapazität im Jahr 2060 weiterhin in Betrieb sein. Das niedrige Szenario prognostiziert, dass nahezu zwei Drittel der bestehenden Reaktoren voraussichtlich stillgelegt werden. Die IAEA erklärt: „Wo möglich, ist die Lebensdauerverlängerung bestehender Reaktoren die kosteneffizienteste Quelle für Grundlaststrom mit niedrigen Emissionen – insbesondere für Regionen mit älteren Nuklearanlagen." Auch die Finanzierung ist ein weiterer entscheidender Faktor. Seit 2022 hat die Energiesicherheit mit Blick auf die Energiekrise und das Interesse an einem diversifizierten Strommix den Fokus wieder stärker auf die Kernkraft gelenkt.
Obwohl sich die Nachfrage nach Kernkraft verändert, ist die globale Kernstromerzeugung 2025 im Vergleich zu 2024 um 1 Prozent gestiegen. Da die globale Stromerzeugung insgesamt jedoch um 2,7 Prozent wuchs, sank der Marktanteil der Kernkraft von 8,7 auf 8,4 Prozent. Die IAEA erklärte: „Die nach oben korrigierten Prognosen spiegeln die wachsende Anerkennung der Rolle der Kernkraft für die Energiesicherheit und das langfristige Wirtschaftswachstum wider. Dass internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbankgruppe und die Asiatische Entwicklungsbank sich wieder verstärkt der Kernkraft zuwenden, zeigt einen breiteren Wandel, dem weitere internationale Finanzinstitutionen folgen."
Die IAEA weist darauf hin, dass die Energiekrise seit 2022 die Sorgen um Energiesicherheit und Bezahlbarkeit verschärft habe; Unterbrechungen der Öl- und Gasflüsse hätten erhebliche Auswirkungen auf die Energiesicherheit und die globalen Energiemärkte. Als Reaktion habe das Interesse an einer diversifizierten Stromerzeugung – einschließlich der Kernkraft – zugenommen.
Die World Nuclear Association zeigt sich noch optimistischer und schätzt, dass die globale Nuklearkapazität im Jahr 2050 1.457 GWe erreichen könnte, sofern die Länder ihre Ziele erreichen und bestehende Reaktoren weiterbetrieben werden.
Schlüsselfaktoren für die künftige Entwicklung der Kernkraft
Die Prognosen der IAEA zeigen, dass die Kernkraft bei der Deckung des globalen Strombedarfs eine immer wichtigere Rolle spielt – insbesondere vor dem Hintergrund der Herausforderungen für die Energiesicherheit. Die Entwicklung kleiner modularer Reaktoren gilt als Schlüssel für das künftige Nuklearwachstum und kann die Bedürfnisse verschiedener Regionen effektiv bedienen. Auch die Lebensdauerverlängerung bestehender Reaktoren wird als kosteneffiziente Methode zur Steigerung der Nuklearkapazität angesehen, vor allem in Regionen mit älteren Anlagen. Da internationale Finanzinstitutionen der Kernkraft wieder verstärkte Aufmerksamkeit widmen, sind die Entwicklungsperspektiven der Kernkraft vielversprechend.

